Peter Dinzelbacher (Hg.): Mensch und Tier in der Geschichte Europas
Sonntag, 28. September 2008Die menschliche Zivilisation ist eine facettenreiche Angelegenheit. Ebenso vielschichtig ist die Beziehung zwischen Menschen und Tieren, die sich im Laufe der Jahrtausende bzw. in den jeweiligen Kulturräumen und -gesellschaften vollzogen hat.
Peter Dinzelbacher hat mit seinem Autorenteam mit “Mensch und Tier in der Geschichte Europas” (1998) eine umfassende und sehr systematische Kulturgeschichte der Mensch-Tierbeziehung von der Altsteinzeit bis zur Jetztzeit herausgegeben.
Begonnen wird in jeder Epoche mit materiellen Aspekten, Faktengeschichte zu Themenkomplexen wie z.B. Nahrung, Jagd, Vergnügen, Gebrauch etc. Dann folgt ein mentalitätsgeschichtlicher Abriss zum Tier in Religion und Ethik, Literatur, bildender Kunst, Musik und Wissenschaft.
Das Highlight: Abschließend skizzieren die Autoren die epochentypische Grundeinstellung, fügen also die vorher herausgearbeiteten Puzzleteilchen zu einem vollständigen Bild zusammen.
Ergänzt wird der Band durch ein Register der behandelten Tiere sowie ein Orts- und Namensregister.
Das Buch samt Index und der Literaturnachweis genügen wissenschaftlichen Ansprüchen und dennoch bleiben die Texte an jeder Stelle allgemein- und laienverständlich.
Dinzelbacher, der eine Honorarprofessur für Mentalitäts- und Sozialgeschichte an der Uni Wien innehat, hat es geschafft, die wechselvolle und ambivalente Beziehung zwischen Menschen und Tieren im europäischen Raum sehr detailliert und mit viel Beispielmaterial nachzuzeichnen. Das Lesen wird nie langweilig, die Artikel sind nie zu lang.
Warum dieses Buch “habenswert” ist? Bei aller Materialfülle und Faktizität ist das Buch an keiner Stelle parteiisch oder pseudopädagogisch. Dinzelbacher, der sich selbst für das “Mitsubjekt Tier” entschieden zu haben scheint, entmündigt seinen Leser nicht und nimmt ihm die eigene Entscheidung hinischtlich (s)einer Haltung zu Tieren ab:
“In einer Zeit, in der es energische, wenn auch nur teilweise erfolgreiche Bemühungen um einen behutsameren Umgang mit der Umwelt und vor allem der belebten Mitwelt gibt, ist es sicher anregend zu betrachten, welche Modelle des Umgangs mit dem Tier die westlichen Kulturen bislang entwickelt haben. Dies kann dazu dienen, sich bewußt in seit langem üblichen Bahnen weiterzubewegen, kann aber auch dazu führen, sich von ihnen zu distanzieren und neue Modelle zu entwickeln.” (S. XiV, Vorwort)

